Punk-Attitüde im Pocketformat – Die Musikkassette wird 50
Oft kopiert und trotzdem immer Original geblieben: Die Musikkassette ist Kult- und Kunstobjekt, nostalgischer und neuralgischer Bezugspunkt der Generation Golf und Generation X, Plastik gewordener Geist des „Anything Goes“ der frühen 80er Jahre. Dieses Jahr feiert sie ihr 50ähriges Jubiläum.
Konzipiert wurde die Compact Cassette 1960/61 von dem Entwicklerteam um Ingenieur Lou Ottens im belgischen Philips-Werk in Hasselt. Zur gleichen Zeit arbeitete das niederländische Unternehmen zusammen mit Grundig und der Deutschen Grammophon Gesellschaft an einer HiFi-tauglichen Einlochkassette. Doch es war Ottens genialer Einfall, Musik mobil zu machen, der schließlich einen konkurrenzlosen Siegeszug antrat. Als Prototyp ließ er ein Holzstück anfertigen, das in seine Jackentasche passen sollte. Sein Kollege Jan Schoenmakers kreierte daraufhin die Zweilochkassette mit dem typischen Löschkopf-Verriegelungslaufwerk, das am 31. Januar 1964 unter der Nummer 1191978 zum Patent angemeldet wurde. Zusammen mit Peter van der Sluis’ Pocket Recorder, dem Philips EL 3300, wurde die Kompaktkassette im August 1963 auf der Funk-Ausstellung in Berlin vorgestellt und als große Sensation gefeiert.
Wirtschaftswunderland Japan machte die tragbaren Abspielgeräte schließlich zum massenkompatiblen Verkaufsschlager, und zwar dank einer Lizenzfreigabe durch Philips, die auf einer Standardisierung der Geräte bestanden. Eine neue Ära begann, in der sich für Jugendliche ungeahnte Möglichkeiten eröffneten. Mit Ghettoblaster und Walkman ausgestattet, brachten sie in den 80er Jahren ihre Lieblingshits auf die Straße, schnitten sie vom Radio mit oder kopierten die LPs ihrer Freunde auf Magnetband.
Leerkassetten als Schreckgespenst der Musikindustrie
Die beliebten Mixtapes wurden schon bald zum Feindbild der Plattenindustrie erklärt, die sich 1979 mit einen Umsatzeinbruch von 11 Prozent konfrontiert sahen. “Home Taping Is Killing Music” warnte die British Phonographic Industry im Jahr darauf. Ihr Logo zierte eine Audiokassette mit gekreuzten Knochen, das ein Unrechtsbewusstsein für illegale Musikpiraterie schaffen sollte. Doch mit Sprüchen wie „Home Sewing Is Killing Fashion“ oder „Homedrinking Is Killing Gastwirt“ wurde die Kampagne immer wieder parodistisch ausgereizt. Gerade die Punkbewegung mit ihrer kreativen wie anarchistischen Do-It-Yourself-Haltung blies zum Kampf gegen das Musik-Establishment. „Home taping is killing big business profits. We left this side blank so you can help“ heißt es konsequenterweise auf der B-Seite der 1981 veröffentlichten EP In God We Trust, Inc. der Dead Kennedys. Die Kassette wurde zum Symbol einer Underground-Revolution, die manchmal auch ihre eigenen Kinder fraß. So berichtet Blixa Bargeld lakonisch vom Kollisionskurs seines Eisengrau-Ladens in Jürgen Teipels Doku-Roman Verschwende Deine Jugend (Suhrkamp 2001):
„Bei mir hatte es noch nie Platten gegeben. Nach einer Weile gab es auch keine Klamotten mehr. Und schließlich gab es nichts mehr. Ich habe einfach stattdessen das Eisengrau-Label gemacht und nur noch Kassetten kopiert.“
Die Renaissance der Musikkassette
Mit Markteinführung der klanglich überzeugenden CD 1982 und ihrem sinkenden Preis zu Beginn der 90er Jahre geriet die Audiokassette immer mehr ins Abseits. Und die Musikindustrie profitierte wieder. Heute werden nur noch wenige Neuerscheinungen für den Mainstream-Markt produziert, etwa Die drei ??? oder Bibi Blocksberg. Allein auf dem afrikanischen und asiatischen Kontinent schätzt man den handlichen und robusten Audioträger noch wegen des günstigen Preises.
Im Untergrund aber hat das Audiotape immer überlebt. Kassetten-Labels wie das 2013 gegründete Greatberry Tapes aus Berlin bedienen ein Liebhaber-Publikum, das bewusst gegen den Mainstream anschwimmt und originelle Klangkunstwerke in kleiner, oft handgefertigter und liebevoll gestalteter Auflage zu schätzen weiß.
Umgeben vom multimedialen Overdrive, in dem Musik jederzeit und an jedem Ort bis zum Überdruss verfügbar ist, erinnern sich viele wehmütig an die Mixtape-Ära. Denn die Kassette war mehr als ein steriler Datenträger. Sie war ein emotionales Band, das uns mit Freunden, mit unserer Liebe, mit Gleichgesinnten verknüpfte. Für ein gelungenes Mixtape brauchte man viel Geduld und vor allem Feingefühl in den Fingerspitzen. Oft fluchte man, wenn der DJ wieder einmal in das Ende eines genialen Songs grätschte. Und handbetitelte Kassetten-Inlays wurden, je nach Adressat, liebevollen mit Zeichnungen und Stickern veredelt.
Heute ziert die Musikkassette IPhone-Hüllen, Kissen, Sticker, Strandtücher und T-Shirts. Sie ist eine Standardrequisite des 80er Jahre-Revivals. Doch machen wir uns nichts vor – es gibt keinen Weg zurück. Aber es ist dennoch gut, uns durch sie ab und zu daran zu erinnern, dass Musik nicht einfach ein Konsumgut ist. Sie ist ein guter Freund, und der lebt und – zugegeben, manchmal etwas geräuschvoll – atmet. Dem wir geduldig unsere Zeit und unser Ohr schenken, ohne schon wieder gehetzt nach der nächsten Ablenkungn zu linsen. Etwas mit Seele, das alles andere als perfekt sein muss, um von uns geschätzt zu werden.
Wie sehen Eure Mixtape Memories aus? Wir würden uns freuen, wenn Ihr sie mit uns teilen würdet!

